Blog #2: Es darf kein „nach Corona“ geben2020-07-02T17:37:35+02:00

Blog #2: Es darf kein „nach Corona“ geben

Die Corona-Pandemie wirft die Humanitäre Hilfe von heute auf morgen völlig durcheinander. Zugleich bleiben bekannte Missstände bestehen. Nach – und schon während – Corona wird klarer denn je, welches Maß an Ungleichheit wir uns national wie weltweit leisten. Und wie tödlich diese Ungleichheit ist. 2020 wird für immer Referenz dafür bleiben, was bei entsprechendem politischem Willen möglich ist.

Überlegungen Humanitärer Hilfe, die gestern noch gültig waren, sind unter gegenwärtigen Bedingungen nichtig. Geplante Hilfsprojekte laufen ins Leere. Bereits stattfindende Aktivitäten müssen umorganisiert oder gestoppt werden. Die Gefahren des Virus drängen den originären Hilfsgrund in den Hintergrund. Dr. Michael Ryan, Exekutivdirektor des Health Emergency Progamme der Weltgesundheitsorganisation (WHO), fordert daher ein entschiedenes und kompromissloses Vorgehen: „Sie müssen schnell sein, nichts bereuen. Sie müssen der Erste sein. Denn das Virus wird schon da sein, wenn Sie nicht schnell handeln …“. Auch Caritas international hat noch nie so viele Hilfsfanfragen aus aller Welt zur selben Zeit erhalten wie jetzt. Rasantes Handeln erscheint als Imperativ der Stunde. Die Pandemie erzwingt unter großem Zeitdruck neue Prioritätensetzungen – ein Dilemma für humanitäre Akteure. Erst recht jedoch für jene Menschen, die nun keine Hilfe erhalten.

Die notwendige Fokussierung auf Corona hat bittere Folgen. Bestehende Notlagen und Krisen verschwinden fast vollständig vom Radar. Schon zu Beginn der Corona-Krise waren über hundert Million Menschen auf Humanitäre Hilfe angewiesen. 71 Millionen Vertriebene sind weltweit auf der Flucht. Der Hunger – jahrelang auf dem Rückzug – ist wieder angestiegen. Mehr als zwei Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberen Trinkwasser. Dürren und Überschwemmungen treten durch den Klimawandel mit größerer Häufigkeit und Intensität auf. Anstatt die Menschen auf Naturkatastrophen vorzubereiten, müssen 80% der stetig wachsenden Bedarfe an Humanitärer Hilfe das Leid in Kriegen und Konflikten mindern. Demgegenüber klafft die Finanzierungslücke beständig auseinander. Im Jahr 2017, insgesamt wurden 23,6 Milliarden US-Dollar veranschlagt, fehlten 9,2 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2019 stieg der Bedarf auf 29,7 Milliarden US-Dollar und die Lücke auf 13,7 Milliarden US-Dollar. Die größten finanzgebenden Staaten haben die ODA-Mittel im Verhältnis zu ihrem Bruttonationaleinkommen (BNE) gekürzt. Nun stehen sie zudem vor einer Schuldenlast, die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen von Corona im eigenen Land zu bewältigen. Laut Bundeskanzlerin Angela Merkel und UN-Generalsekretär Antonio Guterres steht die Menschheit aktuell vor ihrer größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Kann dies in Anbetracht bestehender und vergangener Notlagen mit Bestimmtheit abgewogen werden? Man denke beispielsweise an das unermessliche Leid, dem je nach Schätzung  mehr als 2 Millionen Menschen in den killing fields der fast vier Jahre andauernden Schreckensherrschaft der Roten Khmer erlagen oder welches seit dem Genozid in Ruanda 1994 durch die andauernde Serie von Kriegen in der zentralen Region Afrikas millionenfach bis heute fortbesteht. Die größte Herausforderung der Menschheit ist die Menschlichkeit.

Abwägungen und Priorisierung in der Humanitären Hilfe sind nicht neu. Ungleichheiten in der Verteilung der Finanzmittel und des politischen beziehungsweise medialen Bewusstseins sind Realität. Im schlimmsten Fall bedeutet die Entscheidung, wem wo geholfen wird, dass woanders nicht geholfen werden kann. Daraus entstehen „Vergessene Krisen“. Während der im März ausgerufene Global Humanitarian Response Plan (GHRP) for COVID-19 innerhalb eines Monats mit rund $ 879 Millionen bereits zu 44% gefüllt war, sind seit Beginn dieses Jahres die Hilfspläne für 36 einzelne Länder außerhalb der Corona-Thematik insgesamt nur zu 12% gedeckt. Der GHRP – seit Mai gar mit $7.3 Milliarden veranschlagt – wurde ins Leben gerufen, um anderen Krisen nicht die Mittel abzugraben. Kein Thema soll anderen geopfert werden. Aber genau das geschieht implizit. Nach der Pandemie werden Regierungen gefragt, was sie getan haben. Die Antwort entscheidet über internationalen Geltungsanspruch. Die Beitragszahlungen im Corona-Topf zeigen, was mit politischem Willen möglich ist. Neben Dringlichkeit und Notwendigkeit zählt der Ausblick auf politische Dividende. In Krisenzeiten werden Positionen geschaffen. Dieses scheinbar nie enden wollende Dilemma ist, mit Albert Camus gesprochen, eine nicht enden wollende Niederlage. In Anbetracht vorhandener Möglichkeiten muss es dazu nicht kommen: 2019 wurden weltweit 1.917 Billionen US-Dollar für Rüstungsgüter ausgegeben. Was könnte man mit einer Summe von durchschnittlich 218 Millionen US-Dollar pro Stunde noch tun? In der Frage der Priorität sind wir die „Entwicklungsländer“.

Verschiebung der Maßstäbe und neue Spielregeln haben immer Verlierer zur Folge. Beispielsweise sind Impfstofflieferungen durch gestrichene Charterflüge um bis zu 80 % zurückgegangen. Fast 120 Millionen Kinder könnten aufgrund der Corona-Maßnahmen nicht gegen Masern geimpft werden. Allein im vergangenen Jahr starben daran in der Demokratischen Republik Kongo bis zu 6.000 Kinder. Für Menschen vor Ort sind Interventionen gegen ein einzelnes Virus schwer zu legitimieren, während zugleich Menschen an unbehandelten Krankheiten wie Masern, Meningitis, Polio oder Diarrhoe sterben. Bereits zu Beginn des Jahres wurden bis zu vier Millionen Todesfälle durch HIV, Malaria, Tuberkulose, Hepatitis und vernachlässigte Tropenkrankheiten befürchtet. Corona ist bisher die Priorität der westlichen Welt. So kann eine EU-Geberkonferenz kurzerhand mindestens 7.5 Milliarden Euro für den Corona-Impfstoff sammeln. Vor Ort stellt sich immer die Frage der Relevanz. Auch daher herrschte während des Ebola-Ausbruchs 2018 großer Unmut in der kongolesischen Bevölkerung, die sich letztlich gegen internationale Organisationen richtete.

Leid ist nicht aufzuwiegen, denn „alle Tränen sind salzig“ wie Janusz Korczak sagte. Aber es ist zu befürchten, dass die negativen Folgen der verordneten Maßnahmen am Ende mehr Leid produzieren, als das Virus selbst.  Primär davon betroffen sind Milliarden von Menschen, die im informellen Sektor arbeiten. Die Hälfte der weltweit Erwerbstätigen arbeitet zum Tagelohn. In Indien ganze 90%. Verträge, Versicherungen und Rücklagen gibt es ebenso wenig wie staatliche finanzielle Hilfspakete. Von der Hand in den Mund leben somit auch die ungezählten Familienangehörigen. In Deutschland und anderen europäischen Staaten waren Geschäfte mehrere Wochen lang geschlossen. Modeketten kündigten den Textilzulieferern die Verträge, um finanzielle Schäden in Grenzen zu halten. Die Textilproduktion ist die Schlüsselindustrie von Bangladesch. Das Auskommen vieler Menschen reicht ohnehin gerade mal zum Existenzminimum. Die globale Armut könnte das erste Mal seit 1990 ansteigen. Die berüchtigten 1,90 US-Dollar pro Tag, sonst untere Armutsgrenze und Ausdruck harter Realität, könnten zeitweise zur unerreichbaren Ressource werden. Die Welt wird vor allem dort ärmer, wo die Menschen finanziell ohnedem schon viel zu arm sind. Entwicklungsminister Müller warnt vor einer „Hunger-Pandemie“. Während der Ebola Epidemie 2014 wurden 40 % des Ackerlandes in Sierra Leone, Guinea und Liberia durch die Auswirkungen der Maßnahmen nicht bestellt. Das traf zunächst die Kleinbauern. Dann stiegen die Lebensmittelpreise auf dem Markt. Ähnliches könnte sich jetzt in globalen Maßstäben wiederholen. Das konkrete Problem des Hungers wird nach Hause getragen. In Ostafrika vertilgen Heuschreckenschwärme zudem die Ernte noch kommender Monate und das Futter für Vieh, oftmals Hauptlebensgrundlage der Menschen.  Mangel- bzw. unterernährte Kinder sind Risikogruppen für alle möglichen Infektionskrankheiten. Für diese Fälle wird es allerdings keine Statistiken geben. Wenn doch, wer nimmt sie wahr? Die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus korrelieren mit dem Thema Ernährungssicherheit. Es muss dringend in alle Planungen und Richtlinien zu Corona integriert werden.

Der Schlüsselbegriff ist Kontext. Maßnahmen dürfen nicht universell verstanden und kategorisch übertragen werden. Was hier funktioniert, ist woanders utopisch. Rund 1,2 Milliarden Menschen – etwa 15% der Weltbevölkerung und damit knapp jeder sechste Mensch – leben in informellen dicht besiedelten Siedlungen. Mehrere Haushalte sind in winzigen Wohnungen untergebracht, was eine soziale Distanzierung praktisch unmöglich macht. In Dharavi, Mumbais größtem Slum, leben mindestens 700.000 Menschen auf zweieinhalb Quadratkilometern. Die Forderung nach Handhygiene wird hier zur reinen Plattitüde. Sollen impliziert Können. Das ist der Imperativ dieser Pandemie!

Unter diesem Gesichtspunkt hat sich Humanitäre Hilfe mit regionalen, länderspezifischen und örtlichen Vorgaben zu arrangieren. Das heißt, Corona-Maßnahmen müssen stärker vor Ort konzipiert und verantwortet sein. Die Frage, ob und wie geplante beziehungsweise bestehende Aktivitäten zu stoppen, verschieben oder re-programmieren sind ist vor Ort zu beantworten. Entscheidungsgrundlagen aus der Hand zu geben mag realitätsfern für uns klingen, aber es gibt Akteure, die besser wissen, welche Unterstützung vor Ort gebraucht wird, wem sie zugutekommen und wie die Hilfe gestaltet sein soll. Oftmals bestehen bereits Nachbarschaftshilfen und eigene Hilfsinitiativen. Man denke an den 1 US-Dollar Corona-Testkit im Senegal. Relevanz und Kontext sind Fragen nach den Prioritäten und Handlungsmöglichkeiten der jeweils betroffenen Menschen. Diese muss durch ein „Recht des Protests“ begleitet sein, welches Menschen erlaubt, Hilfsprojekte ablehnen zu können, ohne Nachteile befürchten zu müssen. Die Situation ist dynamisch. Auch Hilfsprojekte können organisch  wachsen. Dazu braucht es mehr Flexibilität in allen Phasen. Wir müssen uns ständig fragen, wie unsere Annahmen entstanden sind. Und ja, revidieren, korrigieren und emanzipieren. Humanitäre Hilfe ist nicht nur Dienstleistung, sondern in erster Linie soziale Interaktion.

Immer wieder kommt die Frage auf, was nach Corona anders sein könnte. Es darf kein „nach Corona“ geben, denn die Pandemie soll für immer Referenz dafür bleiben, was bei entsprechendem politischem Willen möglich ist: Dass sich morgen die Welt nicht das gleiche Maß an Ungleichheit leistet wie heute.


Ole Hengelbrock ist Referent für Grundsatzfragen im Referat Katastrophenhilfe-Koordination bei Caritas international. Zu seinen Schwerpunktthemen gehören die humanitäre Anwaltschaft, Lobby- und Policyarbeit.