| Autor*in: | Ralf Südhoff |
| Datum: | 18. Juni 2026 |
Es war einmal ein kleiner deutscher Junge, der im ganzen Viertel sehr beliebt war als guter Freund, der gut zuhören kann und Freunden in Not immer gern aushalf. Doch die großen Jungs in seiner Schule fingen an sich immer öfter zu schlagen mit der auf Krawall gebürsteten Nachbarschule. Darum drängten ihn die großen Jungs, er müsse jetzt mal mitmachen. Da beschloss der Junge künftig täglich mit den Großen ins Fitnessstudio zu gehen und sein Geld nur noch in Proteine zu stecken. Allen andern im Viertel sagte er sie müssten jetzt selbst sehen, wo sie bleiben in diesen rauen Zeiten. Doch dann merkte er verdutzt: Die großen Jungs nehmen ihn noch gar nicht ernst. Und seine alten Freunde wollen nichts mehr von ihm wissen.
Was war passiert? Und was hat Deutschlands historische Niederlage bei der Abstimmung über einen deutschen Sitz im UN Sicherheitsrat damit zu tun?
Man kann es sich leicht machen und behaupten, an diesem Desaster seien Russland oder eine fehlende Merz-Reise schuld, oder gar wie die ‘Bild‘ die Grünen hätten dies „verbaerbockt“. Oder man kann sich mit einer grundlegenden Frage befassen: Hat der geopolitisch noch immer kleine Junge Deutschland womöglich bei allem berechtigten Drang, Muskeln und Hard Power in Sachen Militär und Geoökonomie aufzubauen, all seine Soft Power vergessen – also just das, was seine herausragende Eigenschaft war?
Analogien sind stets vereinfachend und niemand weiß genau, wie welche Staaten in der geheimen Abstimmung gewählt haben. Nicht wenige solcher Stimmen werden überdies per Deals vergeben, für die Deutschland aber eigentlich weit mehr Ressourcen aufbieten kann als zB Österreich und Portugal. Umso mehr ist es eine entscheidende strategische Frage für Deutschlands künftige Außenpolitik, welche Lehren sie aus dem Desaster von New York zieht? Einfach früher kandidieren?
Weit plausibler erscheint, was manche Experten schon weit vor der UN Abstimmung Bundesregierung und „Zeitenwende“ ins Stammbuch geschrieben haben: Wer glaubt er kann seine Soft Power vernachlässigen, um in seine Hard Power zu investieren, wird am Ende weitgehend machtlos dastehen.
Nicht umsonst hatte sich die Ampel-Regierung eine Nationale Sicherheitsstrategie gegeben, welche Außen- und Sicherheitspolitik zeitgemäß auch anhand von Soft Power Fragen der internationalen Zusammenarbeit, der Klima- und Kulturpolitik, der Kooperation und Friedensförderung definiert. Schon die Ampel-Regierung hat nur begrenzt Taten folgen lassen. Die neue Bundesregierung aber hat trotz weit größerer budgetärer Spielräume die einst führende „Soft Power Super Power Germany“ (Global Soft Power Index 2021) nun weitgehend abgewickelt – und dies teils ganz bewusst mit Blick auf „Gutmenschentum“ versus „nationale Interessen“, eine „woke NRO Landschaft“ versus AfD Wählern etc.
Anders als seine Mitkonkurrenten mit anderem Profil ist damit Deutschland in eine Glaubwürdigkeitsfalle geraten, in die es schon immer mal Fehltritte gab – heute aber plumpst die Bundesregierung mit fast jedem Schritt in die nächste Falle. Eine sehr unvollständige Liste von Beispielen:
Deutschland wollte zusätzlich zu den traditionell stark interessengeleiteten europäischen Mittelmächten Frankreich und Großbritannien in den Sicherheitsrat mit der Begründung, es sei der Hüter von Völkerrecht und einer regelbasierten Weltordnung. In der Vergangenheit hat dies bei jeder Kandidatur überzeugt, der auch laut internationalen Umfragen „ehrliche Makler“ Deutschland wurde stets gewählt. Doch nun wählt das aktuelle Deutschland das Völkerrecht nur noch a la carte, wenn es ihm gegen Russland nutzt und findet es zweitrangig oder zu „komplex“, wenn die USA im Iran oder in Venezuela intervenieren, oder gar Israel Kriegsverbrechen in Gaza begeht und eines Völkermords verdächtig ist. Schon für dieses „skandalöse Verhalten“ war für Craig Mokhiber, ehemaliger Direktor des New Yorker Büros des UN High Commissioner for Human Rights, Deutschlands Niederlage ein „seltener Moment der Gerechtigkeit“.
Doch der Trend reicht noch viel weiter zurück: Während Deutschland sich weiter als Friedensmacht geriert, hat es seine Investitionen in Friedensförderung und Prävention im Vergleich zu 2022 um 40% gekürzt. Während Russland seine Investitionen in „Bildungs“- und Medienprogramme im Ausland zuletzt vervierfacht hat und China sein Budget für „Foreign Affairs“ seit 2021 jedes Jahr erhöht, fährt Deutschland seine Förderung weiter zurück[1]. Während Berlin in Fragen internationaler Kooperation noch vor wenigen Jahren als führend galt, ignoriert es heute als ‚Hüter internationaler Regeln‘ die internationale Vereinbarung, 0,7% des Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungszusammenarbeit aufzuwenden und streicht diese Jahr für Jahr zusammen. Während die Bundesregierung im Koalitionsvertrag eine „auskömmliche“ humanitäre Hilfe verspricht, kürzt sie selbige um 53%.
Erfreulich ist dies vor allem für andere Staaten, welche strategisch in die Lücke stoßen. Nicht zufällig wurde Deutschland 2025 von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten überholt und rutschte ab auf Platz 6.

Grafik: ALNAP Quellen: OECD DAC, UN OCHA FTS und UN CERF
Und die verbliebenen Mittel von BMZ und Auswärtigen Amt? Dienen künftig laut ihren jüngsten Strategiepapieren ausdrücklich Geopolitik und „nationalen Interessen“. Trumps Transaktionalismus läßt grüßen. Wofür wollte Deutschland nochmal gewählt werden?
Auch Experten fern des Hilfssektors, wie der ehemalige deutsche UN-Botschafter Christoph Heusgen („Doppelte Standards“) oder der ehemalige SWP-Direktor Volker Perthes bemängeln, dass mangelnde Konsistenz mit Blick auf Völkerrecht und internationale Zusagen für die Wahlniederlage sehr einflussreich waren: „Die Kürzungen bei Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe fallen deshalb besonders auf. Wer seinen internationalen Einfluss stark über finanzielle Beiträge definiert, wird auch besonders kritisch beobachtet, wenn diese Beiträge sinken“, fasst Perthes zusammen.
Mit Blick auf die entsprechende Soft Power zeigt sich zudem schon seit Jahren eine große strategische Lücke. Die nach Ende des Kalten Kriegs von Joseph Nye begründete Idee der ‚Soft Power‘ gründet sich neben langfristigen Investitionen in internationale Beziehungen auf die Überzeugungs- und Anziehungskraft von Akteuren, die sie durch das Schmieden von Netzwerken und Allianzen einbringen. Selbst zu besten Zeiten hat Deutschland jedoch im Vergleich zu seinen Investitionen zu wenig aus seiner Soft Power gemacht:
Durch „Trägheit und Selbstgefälligkeit“ fehlten laut zahlreichen Analysen Koordination, „Überprüfungen und strategisches Denken“, beklagt u.a. die Berliner Hertie School. Besonders plakativ kritisieren ausgerechnet am UN Standort New York zahlreiche Regierungs- und UN Repräsentanten Deutschlands selbst zu besten Zeiten geringes Engagement, seine Soft Power auch strategisch zu nutzen: „Sie sind eher eine stille Kraft“, sagte eine New Yorker Geberrepräsentantin dem CHA. „Ich bekomme fast nie eine Einladung in die deutsche Vertretung, Koordination existiert nicht“, wunderte sich der Repräsentant eines Top-Gebers, während finanziell weit kleinere Akteure wie Schweden oder die Schweiz, aber auch China viel aktiver seien. Auch an anderen UN Standorten und Hubs im Globalen Süden beklagen Repräsentanten, dass Deutschland die Bedeutung des Netzwerkens, des „Wining & Dining“ zu wenig verstünde. Nicht umsonst hatte Außenminister Wadephul in der Woche vor der UN Abstimmung plötzlich über 100 Gespräche in New York plus Brezel-Empfang in der deutschen Vertretung hektisch nachzuholen.
Natürlich ist gleichzeitig richtig: Deutschland muss sich im Feld der Hard Power (Militär, Wirtschaft) neu aufstellen. Und die alte Rolle als unsichtbarer „Everybody’s Darling“ (Süddeutsche Zeitung) funktioniert nicht mehr. Es ist aber ein Trugschluss, analysiert das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), dass „die Bedeutung von Soft Power dadurch abnimmt, das Gegenteil ist der Fall“. Stattdessen sollten Deutschland und Europa die von den USA aufgerissene Lücke schließen und zeigen, dass es „als prinzipientreuer und pluralistischer Akteur die globalen öffentlichen Güter des 21. Jahrhunderts gestalten“ will.
Sonst droht der freie Fall: Noch vor 5 Jahren war Deutschland auf Platz 1 im Global Soft Power Index, insbesondere dank Platz 1 in den Kategorien „Helpful to other countries“, „respected leader“ und als starke Wirtschaftsnation. Heute ist Deutschland in all diesen Kategorien zurückgefallen und liegt bereits 3 Plätze hinter China im Index von 2026. “China wird zunehmend als berechenbarer, zuverlässiger Partner, der spürbaren Nutzen bringen kann wahrgenommen“, analysieren die Autoren, während das Beispiel Deutschland “demonstriert, wie wirtschaftliche und diplomatische Glaubwürdigkeit gleichzeitig erodieren können“.
All die genannten Trends verdeutlichen: Deutschland hat dramatisch verkannt, wie relevant steigende statt sinkende Investitionen in seine „Soft Power“ wären, gerade um in den heute weit konfliktiveren „Hard Power“ Fragen und Foren Einfluss zu haben oder überhaupt in sie gewählt zu werden.
Dies gilt umso mehr für ein Deutschland, das gerade in militärischen und wirtschaftlichen Hard Power Fragen noch viele Jahre brauchen wird, wieder einflussreich zu sein. Um im Bild zu bleiben: Deutschland muss definitiv ins Fitnessstudio und braucht für eine weit rauere Zukunft mehr Muskeln. Es sollte aber nicht auf die jüngste Kampagne einer Berliner Fitness-Kette hereinfallen, die pubertierende Jungs mit dem zugegeben lustigen Kalauer umwirbt: „Wir reden nicht, wir hanteln“.
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Ralf Südhoff ist Direktor des Centre for Humanitarian Action (CHA).
Dieser Artikel erschien zunächst in einer kürzeren Version auf Berlin.Table
[1] Zu bundeshaushalt.de: Die Daten sind unter den folgenden Kapiteln / Titeln zu finden: 0504 Pflege kultureller Beziehungen zum Ausland; 0502 Bilaterale Zusammenarbeit und Pflege der Auslandsbeziehungen; 2301 685 01 Berufliche Aus- und Fortbildung
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