Vier Fragen zur Syrienkonferenz2020-07-01T11:13:56+02:00

Vier Fragen zur Syrienkonferenz

Kurz vor der in diesem Jahr virtuell stattfindenden Syrien-Konferenz in Brüssel – der vierten Conference on Supporting the Future of Syria and the Region (#SyriaConf2020) – hat die Diakonie Katastrophenhilfe ein Webinar zum Thema Cash and Voucher Assistance (CVA) in Syrien ausgerichtet. CHA-Direktor Ralf Südhoff war auf dem Panel. In diesem Interview erklärt er, welche indirekten Folgen die COVID-19-Pandemie auf Großkrisen wie Syrien hat, welche Herausforderungen und Chancen CVA für Länder wie Syrien bietet, welche Folgen dies für deutsche Hilfsorganisationen hat und welche Schlüsselrolle Deutschland hier einnehmen könnte.

1. Dieser Tage findet in Brüssel die vierte Syrien-Konferenz in Brüssel statt. Die internationale Gemeinschaft kommt zusammen, um über die Zukunft Syriens zu beraten. Ein bedeutendes Ereignis – nur findet es in der Presse leider wenig Anklang. Verdrängt die COVID-19-Pandemie alle anderen Krisen von der Bildfläche? Drohen wir, Syrien zu vergessen?

Diese Gefahr ist in der Tat groß, und lässt sich auch plastisch belegen: Eine internationale Medienanalyse hat beispielsweise ermittelt, inwiefern die internationale Presse in 2020 das Thema Syrien aufgegriffen hat. Während es noch Anfang des Jahres relativ häufig behandelt wird, stürzt die Aufmerksamkeit Ende März ab – während allein doppelt so häufig über das Problem ‚Toilettenpapier‘ berichtet wird. Doch die indirekten Folgen der Covid-Pandemie gehen über plakative Anekdoten und auch die Syrienkrise hinaus:

Erstens droht im Norden ein nochmals verstärkter Fokus auf die „eigenen Probleme“ versus internationaler Aufgaben. Auch manch führende*r Minister*in der Bundesregierung hat anfangs in der lange kaum vernehmbaren Debatte um Deutschlands globale, humanitäre „COVID-Verantwortung“ die Losung ausgegeben, jetzt müsse erstmal Deutschland gerettet werden. Zweitens drohen wir über die großen COVID-19-Herausforderungen andere Krisen zu vergessen, die in den globalen Hilfsplänen bislang sehr schwach finanziert sind für 2020. Drittens wächst die Angst vor einem drohenden „development rehersal“ – wenn wir nun zu sehr alle Hilfe auf kurzfristige COVID-19-Programme fokussieren, was wird dann beispielsweise aus Präventivprogrammen zu den weiterhin folgenschweren Masernerkrankungen in vielen afrikanischen Staaten, oder auch den strukturbildenden Hilfen für die über fünf Millionen syrischen Geflüchteten in der Region? Deshalb ist es so wichtig, dass nun wie zuletzt angeschoben tatsächlich auch ein internationales COVID-19-Rettungspaket beschlossen wird, und dass in Brüssel alle Geber-Staaten den Blick auch wieder auf langjährige Krisen wie Syrien und deren Lösungen richten.

2. Mit Blick auf die Syrienkrise wird auch mehr und mehr diskutiert, welche Art der Hilfe die richtige ist. Dabei rückt Cash and Voucher Assistance (CVA) in den Fokus, ein seit Jahren viel diskutiertes Thema in der humanitären Hilfe. Was genau bedeutet CVA, und welche Chancen bietet es?

CVA bedeutet, humanitäre Hilfe nicht wie früher in Form von Sachspenden wie Zelten, Decken, Medizin, Nahrungsmitteln zu leisten, sondern als einen Einkaufsvoucher oder in Form von Bargeld. Expert*innen sehen in dem Ansatz eine besonders würdevolle, selbstermächtigende Form der humanitären Hilfe, da sie Menschen die Freiheit lässt, ihren individuellen Bedürfnissen zu folgen und nicht einem vermeintlich universellen, zumeist vom Norden definierten Assessment ihrer Bedürfnisse. Die Syrienkrise ist hierfür auch eine Art extrem spannendes Labor geworden, da solch innovative Ansätze dort vielfach in neuen Dimensionen umgesetzt wurden: So wird nahezu die gesamte Ernährungshilfe für die 5,5 Mio. syrischen Geflüchteten in der Region heute als Bargeldtransfer geleistet. Dies ist in Ländern mit funktionierenden Märkten ein wirkungsvolles Instrument, wie Studien belegen, zudem sind mittlerweile so Milliardenbeträge in die lokalen Wirtschaften geflossen.  In der Türkei und im Libanon geht man noch einen Schritt weiter: Hier erhalten Geflüchtete quasi eine Sozialhilfe in Form von „multipurpose cash“, statt multipler Zuwendungen zahlreicher Hilfsorganisationen. Zugleich kann Cash ein Schritt in Richtung sozialer Sicherungssysteme sein, und ein Instrument für eine schnelle Krisenintervention: Laut einer Weltbank-Erhebung konnten in der MENA-Region allein durch die im Zuge der COVID-19-Response sehr schnelle Ausweitung der bislang begrenzten, staatlichen Sozialprogramme rund 10% der Gesamtbevölkerung mit Bargeldhilfen erreicht werden.   

3. Ist Cash auch eine Chance für eine lokal besser verankerte, von lokalen Akteur*innen umgesetzte Hilfe?

Ja, aber es kommt auf den Rahmen und das Ziel an – Beispiel Syrien: Studien belegen, dass selbst in extrem sensiblen Konfliktgebieten wie aktuell dem Nordwesten Syriens Bargeldhilfe geleistet werden kann, und sogar weniger Risiken von Korruption und Fehlallokation mit sich bringen als Sachleistungen. Wie auch in dem jüngsten Webinar dargelegt, erreicht auch anderswo in Syrien beispielsweise die Diakonie Katastrophenhilfe dank ihrer lokalen Partner mehrere Tausend Menschen mit Bargeldhilfen. Eine lokale NGO kann dies flexibel  und teils auch in rechtlichen Grauzonen vis-a-vis der nationalen Regierung umsetzen. Deshalb ist dies ein spannender, wichtiger Beitrag. Zugleich müssen alle Hilfsorganisationen sich der Frage stellen: Was ist künftig unsere Rolle, wenn Bargeldprogramme wirklich breitenwirksam Millionen Menschen erreichen sollen, welchen genuinen Beitrag kann ich nicht leisten? Da stellen sich Wettbewerbs-, aber auch Existenzfragen. Beispielsweise können Bargeldprogramme sehr wirksam sein, wenn sie langfristig mit einem System in einem Land alle Bedürftigen erreichen, was auch sehr kostengünstig ist, und auch in der Nothilfe spielen ‚economies of scale‘ eine wichtige Rolle, um mehr Menschen helfen zu können. Solche Programme können führend zumeist aber nur große internationale NGOs oder UN-Organisationen umsetzen. Kleine NGOs werden daher wie derzeit in der Bargeldhilfe in Syrien weiter eine wichtige Rolle spielen – und doch sich in anderen Kontexten teils neu erfinden müssen.

4. Was bedeutet das für deutsche humanitäre Akteur*innen?

Eine deutsche Hilfsorganisation hatte bis vor kurzem beispielsweise einerseits ein lokal verankertes, beispielhaftes Bargeldprogrammm in Jordanien – aber für nur 500 syrische Haushalte, mit eigener Geldkarte, eigenem Bezahlsystem, eigenen Verträgen mit Finanzdienstleistern. Das kann auf Dauer nur ineffektiv sein. Große Organisationen schaffen die selben Strukturen für über 500.000 Menschen, und da müssen sich alle Akteur*innen der Frage stellen, was eine sinnvolle Arbeitsteilung im Sinne der Betroffenen ist. Zugleich ist dieser Wandel des humanitären Sektors eine schwierige Gradwanderung, auch für die Bundesregierung. Wie Geber die ‚Cash-Revolution‘ vorantreiben kann große Folgen haben: Der Drang etwa vor allem der Europäischen Kommission und der britischen DFID, fast unabhängig von der Lage vor Ort fast ausschließlich nur noch auf Cash-Programme weniger oder möglichst gar einer einzigen Organisation mit dem ‚single agency‘-Ansatz zu setzen, soll die Hilfsorganisationen anspornen besser zu werden. Teils führt es aber stattdessen zu einem sehr schädlichen Wettbewerb zum Beispiel zwischen den großen UN-Organisationen, die Syrienhilfe im Libanon bot hier über Jahre ein abschreckendes Beispiel. Hier ist vor allem auch die Bundesregierung gefordert, als führender und zugleich pragmatischer Geber für eine gute, koordinierte Balance in den immer wichtiger werdenden Cash-Programmen zu werben. Umso bedauenswerter ist es, dass die Regierung sich nicht dazudurchringen kann, ihre schon vor Jahren angekündigte Cash-Policystrategie zu entwickeln.       


Das Interview führte CHA-Kommunikationsreferentin Lena Wallach am 26. Juni 2020.

Weitere Informationen zur ‘Syria: IV Brussels Conference on Supporting the Future of Syria and the Region’ finden Sie hier. Die Konferenz, die gemeinsam von der Europäischen Union (EU) und den Vereinten Nationen (UN) ausgerichtet wird, findet vom 22. bis zum 30. Juni 2020 in Brüssel statt.

Die Diakonie Katastrophenhilfe hat am 18. Juni 2020 ein Webinar zum Thema ‘Cash and Voucher Assistance in Syria: Opportunities and Challenges’ ausgerichtet. Die Aufzeichnung des Webinars, alle Präsentationen sowie ein Q&A-Dokument, in dem die Diskussionsteilnehmer*innen auf offene Fragen der Teilnehmer*innen geantwortet haben, ist nun online. Alle Dateien können über Sharefile hier abgerufen werden.

Ralf Südhoff ist Direktor des Centre for Humanitarian Action (CHA) in Berlin. Zuvor war er Leiter des WFP-Regionalbüros für die Syrien-Krise in Jordanien sowie des WFP-Büros in Berlin sowie zehn Jahre lang ehrenamtlicher Vorstand von Oxfam Deutschland. Zu Ralfs Arbeitsschwerpunkten gehören humanitäre Reformen, die Syrienkrise und die MENA-Region.

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