Humanitäre Hilfe braucht mehr Care

Autor*in: Goda Milasiute
Datum: 5. Januar 2023

Care – Problem oder Lösung?

Care-Arbeit (oder Sorgearbeit) bezeichnet die Tätigkeiten des Sorgens und Kümmerns, die bezahlt oder unbezahlt sein können. Diese Arbeit wird häufig als selbstverständlich angesehen, ist unsichtbar und wird unterbewertet – sowohl in monetärer als auch in nicht-monetärer Hinsicht. Care-Arbeit ist zudem stark geschlechtsspezifisch geprägt, wobei Frauen und Mädchen den größten Teil dieser Arbeit leisten: Global sind zwei Drittel der bezahlten Care-Arbeiter*innen Frauen und Schätzungen zufolge verrichten Frauen und Mädchen 75 Prozent der unbezahlten Care-Arbeit.

Während diese Statistiken sowie die Annahme, dass Care eine natürliche weibliche Tätigkeit ist, sicherlich problematisch sind, ist es wichtig zu betonen, dass Care als solche keine Last ist, sondern ein „grundlegendes Element unserer Gesellschaft“*, welches einen „weitreichenden, langfristigen, positiven Einfluss auf Wohlbefinden und Entwicklung“* hat. Wir brauchen also nicht weniger, sondern mehr Care: nur gleichmäßiger auf die Geschlechter verteilt, mit nicht nur persönlichen, sondern auch institutionellen Care-Verantwortungen.

Care kann also auch breiter als bestimmte Tätigkeiten verstanden werden. Die Community-Organisatorin und Wissenschaftlerin Meera Ghani spricht über eine „Care-Kultur“ (engl. „Culture of Care“), welche „ein neuer Gesellschaftsvertrag“ ist, „der die Grundlage nicht nur aller sozialen Beziehungen (seien sie zwischenmenschlich, gemeinschaftsweit oder politisch), sondern auch unserer Politik bildet“*. Care-Kultur beinhaltet eine „radikale Umgestaltung der Art und Weise, wie wir leben und Dinge tun“, einschließlich des Abbaus „der miteinander verbundenen Systeme der Unterdrückung, welche die Grundlage dafür bilden, wie unsere Gesellschaft derzeit organisiert ist“*. Daher ist die Care(-Kultur) das Mittel gegen unterdrückende Strukturen wie das Patriarchat und Rassismus.

Sorglose humanitäre Hilfe

Care sollte auch im Mittelpunkt der humanitären Hilfe stehen, denn die „Ziele humanitärer Hilfe sind die Rettung von Menschenleben, die Linderung von Leiden und die Wahrung der Menschenwürde während und nach von Menschen verursachten Krisen und Naturkatastrophen, sowie die Verhinderung solcher Situationen und die Stärkung der Bereitschaft für den Fall ihres Eintretens“*. Dies spiegelt sich in einem der grundlegenden humanitären Prinzipien, der Menschlichkeit, wider, von der sich nach dem Architekten dieser Prinzipien Jean Pictet „alle anderen Prinzipien ableiten“.

Der internationale humanitäre Sektor ist jedoch durch einige ungesunde Dynamiken gekennzeichnet, die sehr sorg-los sind: Perfektionismus, eine bestimmte Vorstellung davon, was es bedeutet, „professionell“ zu sein, das Fehlen von Bereitschaft, Verwundbarkeit zu zeigen, und der daraus resultierende Stress und Burnout. Wie Gemma Houldey in ihrem Buch „The Vulnerable Humanitarian: Ending burnout culture in the aid sector“ darlegt, „ist es an Arbeitsplätzen auf der ganzen Welt normal geworden, im Büro aufzutauchen und seine persönlichen Probleme vor der Tür zu lassen; sich wenig für seine Kolleg*innen zu interessieren, mit denen man mehr Zeit am Tag verbringt als mit der eigenen Familie; und eine ruhige und kompetente Haltung einzunehmen, die jedes Anzeichen von Kampf oder Verletzlichkeit verbirgt, aus Angst, dass man dadurch seinen/ihren Job verlieren könnte“*.

Die Sorg-losigkeit innerhalb des humanitären Sektors spiegelt sich auch in den allgegenwärtigen patriarchalen und rassistischen/kolonialen Strukturen wider; Strukturen, die in direktem Zusammenhang mit den oben erörterten ungesunden Dynamiken stehen. Wie in „The Vulnerable Humanitarian“ argumentiert wird, hat der internationale humanitäre Sektor jahrzehntelang unter der Annahme gelitten, dass er es am besten weiß, „und angesichts der Dominanz weißer, westlicher Präsenz und Denkweise bei der Entscheidungsfindung, der strategischen Planung und der Bereitstellung von Hilfe hat dies uralte Hierarchien und Ungleichheiten verstärkt und sehr oft dazu geführt, dass den von uns unterstützten Bevölkerungsgruppen mehr Schaden als Nutzen zugefügt wurde“*.

Es hat sich gezeigt, dass das Vorherrschen des Archetyps des weißen, männlichen, rettenden humanitären Helfers zu einem sorglosen Umgang mit der Sicherheit und dem Wohlergehen des lokalen Personals führt. Darüber hinaus führen die Kolonialität** und der strukturelle Rassismus innerhalb des internationalen humanitären Systems zum Ausschluss lokaler Organisationen – in Bezug auf die Finanzierung, die Entscheidungsfindung und das Verständnis von Kapazitäten. Dies gilt umso mehr, wenn diese lokalen Organisationen von Diskriminierungen in Bezug auf Geschlecht, sexuelle Orientierung, Religion, Alter, ethnische Zugehörigkeit oder Behinderung betroffen sind. Es ist daher kein Zufall, dass lokale frauengeführte Organisationen und Organisationen, die sich mit Gender befassen, nachweislich größere Schwierigkeiten haben, Fördermittel zu erhalten als ihre lokalen, von Männern geführten Pendants. Aus diesem Grund ist die intersektionale Sichtweise, die Überschneidung verschiedener Diskriminierungskategorien beachtet, wichtig, wenn wir das internationale humanitäre System betrachten: Im Fall der von Frauen geführten lokalen Organisationen sind es sowohl ihr Geschlecht als auch ihre Race/Nationalität/Ethnizität/Herkunft, die beeinflussen, wie viel Macht sie haben.

Lokale Care-Ansätze

Wenn wir die von Frauen geführten Organisationen vor Ort aus der Care-Perspektive betrachten, sehen wir, dass sie humanitäre Hilfe für ihre Gemeinschaften leisten (Care als Arbeit) und sich gleichzeitig um ihre Angehörigen kümmern (möglicherweise in übermäßigem Umfang). All dies geschieht, während sie, ihre Angehörigen und ihre Mitarbeitenden meist persönlich von der Krise betroffen sind. Hinzu können weitere Belastungen kommen, mit denen Frauenorganisationen zunehmend konfrontiert sind, wie zum Beispiel der Kampf um Finanzmittel, ständiger Druck durch internationale Akteure und Hindernisse beim Zugang zu Entscheidungsstrukturen.

Es gibt jedoch viele Beispiele für lokale, frauengeführte Organisationen, die unter schwierigsten Bedingungen arbeiten und dabei versuchen, die Care-Grundsätze nicht nur bei der Unterstützung ihrer Gemeinschaften, sondern auch bei ihren eigenen Organisationsstrukturen anzuwenden. Eines dieser Beispiele ist die ukrainische Nichtregierungsorganisation (NRO) Divchata (dt. „Mädchen“), die humanitäre Hilfe für Frauen und Kinder leistet, einschließlich der Bereitstellung von Unterkünften, psychologischer Hilfe und der Unterstützung von Überlebenden geschlechtsspezifischer Gewalt. Divchata wird von Dr. Yuliya Sporysh geleitet und beschäftigt 60 Mitarbeitende, die das Kernpersonal bilden, sowie rund 250 Teilzeitkräfte. Rund 98 Prozent der Mitarbeitenden bei Divchata sind Frauen und 65 Prozent der Mitarbeitenden sind Binnenvertriebene, von denen einige bereits zweimal ihr Zuhause verloren haben – am Anfang des Krieges im Jahr 2014 und in diesem Jahr.

Als der Krieg am 24. Februar 2022 eskalierte, floh Yuliya mit ihrer Familie aus Irpin zunächst in die Westukraine und dann über Ungarn nach Polen. Am 28. Februar sammelte sie bereits Spenden, während sie in einem Zentrum für Geflüchtete in Polen untergebracht war. In einem Interview, das ich mit ihr am 23. November 2022 führte, betonte Yuliya: „Ich kenne das Thema nicht nur von der theoretischen Seite; ich bin selber geflüchtet, ich habe meine Wohnung während des Krieges verloren, meine Mitarbeitenden haben unter dem Krieg gelitten, daher weiß ich genau, was wir brauchen. Wenn ich eine Bedarfsermittlung durchführen muss, geht das bei mir sehr schnell: Ich muss fünf Anrufe machen, und diese fünf Personen führen jeweils zehn Anrufe durch, und am nächsten Tag habe ich Antworten von 50 Personen“*. Yuliya erzählte auch, wie internationale Partner*innen in den ersten Wochen nach der Eskalation des Krieges wie erstarrt waren: „Sie wussten einfach nicht, was sie tun sollten. Ich rief ein paar Partnerorganisationen an – keine Antworten, ich schrieb E-Mails – keine Antworten. Die erste Antwort, die ich erhielt, kam von einer anderen feministischen NRO und anderen Frauen aus anderen Teilen der Welt.“

Bei ihrer Arbeit hat Yuliya auch verschiedene Erfahrungen mit internationalen Akteuren gemacht, die persönliche Grenzen nicht respektieren und denen es an Empathie mangelt: „Wir haben Fragen von unseren internationalen Partnern: `Werden Sie den Bericht rechtzeitig ausfüllen können?´ `Nein´ `Warum?´ `Wir sind im Krieg und haben keinen Strom.´ `Ja, natürlich, aber wir haben eine Frist.´ Manchmal rufen sie mich an und sagen: `Sie haben uns sechs Stunden lang nicht geantwortet.´ `Ja, ich habe einfach keinen Strom.´” Laut Yuliya „missbrauchen die internationalen Akteure manchmal die Mitarbeitenden“, indem sie sie unter Zeitdruck setzen und ihr Recht auf Erholung nicht respektieren. „Am nächsten Tag erhalten sie dann eine wütende E-Mail von mir an den Hauptverantwortlichen für die Ukraine, in der es heißt: `Sie müssen meinen Leuten Raum zur Erholung geben´”.

Das mangelnde Vertrauen der internationalen Akteure ist ein weiteres Problem, das die Arbeit komplizierter macht. Yuliya zufolge haben die internationalen Akteure selbst nach jahrelanger Zusammenarbeit „einfach kein Vertrauen in ihre Partner“. Gleichzeitig sind es die lokalen Mitarbeitenden, die an die Front fahren und Unterstützung leisten. Das Problem des Mangels an Vertrauen beginnt auf der Geber-Seite; gleichzeitig sollten sich die internationalen NROs und UN-Organisationen bemühen, dies nicht zu reproduzieren. Als Beispiel erzählt mir Yuliya von der guten Zusammenarbeit mit einer internationalen NRO: „Das gesamte Team, das für die Ukraine zuständig ist, ist ein Frauenteam, und wir haben viel Unterstützung von ihnen erhalten. Sie haben ein offenes Ohr für unsere Anliegen und tun viel, um uns die Arbeit zu erleichtern.“

Yuliya beginnt ihren Tag, indem sie sich über die Nachrichten informiert und prüft, ob ihre Mitarbeitenden, die in 6 Regionen und 93 Gemeinden tätig sind, in Sicherheit sind. Außerdem unterstützt Divchata Mitarbeitende mit Kinderbetreuung und psychologischer Betreuung. Divchata arbeitet mit vielen Psycholog*innen zusammen, und wenn die Divchata-Psycholog*innen nicht verfügbar sind, helfen Partner-NROs aus. Es ist ein Austausch: „Wir helfen anderen NROs mit ihrem Personal, und andere NROs helfen auch unserem Personal“. Divchata ist Teil eines feministischen Netzwerks von NROs, das sich einmal im Monat trifft, um sich über die Neuigkeiten und Bedarfe der verschiedenen Organisationen auszutauschen. Yuliya zufolge gilt der Slogan von Divchata „Du bist nicht allein“ nicht nur für die Menschen, denen sie helfen, sondern auch für ihre Mitarbeitenden.

Gleichzeitig räumt Yuliya ein, dass Selbstfürsorge eine große Herausforderung darstellt und die Hauptaufgabe darin besteht, einfach zu überleben: „Wir denken nur daran, dass wir hier und jetzt, in meinem Haus, keinen Strom, kein Wasser, kein Internet, nichts haben. Denn im Moment wissen wir nicht, wie lange das noch so sein wird.“ Auf die Frage, was ihr hilft, antwortet Yuliya: „Ich überlebe, indem ich anderen Menschen helfe, ich habe starke persönliche Grenzen, und ich kann Verträge kündigen, wenn die Partnerschaft nicht funktioniert.“

Mehr Care, weniger Unterdrückung

Die Care-Perspektive sollte uns helfen, uns daran zu erinnern, dass die Dichotomie zwischen humanitären Helfer*innen und von Krisen betroffenen Menschen oft nicht zutrifft, und dass die Care-Pflichten nicht mit der bezahlten Arbeit enden – selbst wenn man in einem Krisenkontext arbeitet. Außerdem haben Menschen ein Recht auf Selbstfürsorge, d.h. sich um die eigene Gesundheit und die eigenen Bedarfe zu kümmern (soweit dies unter bestimmten Umständen möglich ist), und Erholung. Die Arbeit in einer humanitären Krise ist für die Betroffenen stressig genug, auch ohne den zusätzlichen Druck, der von internationalen humanitären Akteuren oft systematisch ausgeht. Diese sollten mit ihrem Ansatz rücksichtsvoller sein. Schließlich geht es bei der humanitären Hilfe darum, oder sollte es darum gehen, Care für Andere zu leisten. Wir brauchen eine Care-Kultur in der humanitären Hilfe, um Unterdrückungsstrukturen wie dem Patriarchat und Rassismus sowie den damit verbundenen Problemen wie Stress und Burnout, denen (zu) viele humanitäre Helfer*innen ausgesetzt sind, entgegenzuwirken. Die meisten humanitären Helfer*innen dieser Welt sind nicht weiß, männlich und westlich (auch wenn dieses Bild immer noch weit verbreitet ist) und die vorhandenen organisatorischen und institutionellen Strukturen müssen dies endlich widerspiegeln. Das internationale humanitäre System braucht daher eine Care-Perspektive, um die spezifischen Herausforderungen lokaler humanitärer Organisationen, anzuerkennen und Lösungen dafür anzubieten; insbesondere, wenn diese Organisationen von überschneidenden Diskriminierungen betroffen sind.

*Übersetzung der Autorin

**Laut Maldonado-Torres bezieht sich Kolonialität auf langanhaltende Machtstrukturen, die als Ergebnis des Kolonialismus entstanden sind, daher überlebt Kolonialität den Kolonialismus (Maldonado-Torres, 2007; siehe auch Quijano, 2001).

***Dieser Artikel wurde zuerst im Fachjournal “Welternährung” der Welthungerhilfe veröffentlicht.

Goda Milasiute ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre for Humanitarian Action (CHA). Sie hat einen Master-Abschluss in Internationalen Beziehungen an der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Potsdam. Zu ihren Forschungsinteressen gehören lokal geführte humanitäre Hilfe und Geschlechtergleichstellung in der humanitären Hilfe.