„Der Triple Nexus macht viele Dilemmata der humanitären Hilfe sichtbar“. Andrea Steinke im Interview zum Triple Nexus.2020-05-11T21:51:22+02:00

„Der Triple Nexus macht viele Dilemmata der humanitären Hilfe sichtbar“. Andrea Steinke im Interview zum Triple Nexus.

Andrea Steinke ist seit August 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre for Humanitarian Action (CHA) und leitet dort das Forschungsprojekt zum Humanitarian-Development-Peace Nexus, auch Triple Nexus genannt. In diesem Interview der Interviewreihe „Gesichter rund ums CHA“ erläutert sie, was es mit dem Triple Nexus auf sich hat und welchen Herausforderungen sich die humanitäre Community stellen muss.

Andrea, seit dem World Humanitarian Summit 2016 hat der Triple Nexus eine hohe Priorität in der humanitären Reformdebatte und ist in aller Munde. Was genau ist der Triple Nexus eigentlich?

In der Theorie ist es ganz einfach, der Triple Nexus beschreibt die verstärkte Zusammenarbeit zwischen humanitären, entwicklungsorientierten und friedensorientierten Akteuren. Also anstatt, dass alle für sich einen Teil eines Problems lösen, sollen die Lösungsansätze stärker aufeinander abgestimmt werden und so dass alle Akteure zu einem gemeinsamen Ziel beitragen.

Immer wieder heißt es, die Triple Nexus-Debatte sei zu theoretisch und abstrakt. Hast du ein paar Beispiele aus der Praxis, die veranschaulichen, was mit Triple Nexus gemeint ist?

Im Kern ist der Triple Nexus Ansatz ja scheinbar ein denkbar einfacher. Nur ist die Auseinandersetzung mit dem Triple Nexus zum großen Teil bisher auf einer wenig greifbaren Policyebene verblieben. Uns geht es auch darum zu zeigen, was genau es in der Praxis heißt für eine Organisation XY einen vernetzten und integrierten Ansatz umzusetzen, und sich womöglich nun auch stärker mit der Friedenskomponente auseinanderzusetzen. Das können konkrete friedensbildende Maßnahmen sein, Mediation beispielsweise, oder aber landwirtschaftliche Unterstützung, um Ressourcenknappheit abzumildern und somit das Konfliktpotential zwischen um Ressourcen konkurrierenden Gruppen zu verringern. Einige NGOs fokussieren sich stärker auf soziale Kohäsion. Andere Organisationen legen das Friedenselement noch weiter aus und tragen aus ihrer Sicht beispielsweise mit der Bereitstellung von Schulspeisungen zum Frieden bei.

Zugleich kann es im Kern aber nicht darum gehen, dass humanitäre Organisation nun zu Friedensorganisationen werden, sondern um die Frage, wann und wo eine stärkere Koordinierung zwischen den Bereichen sinnvoll ist, und wo sie eher Risiken birgt, beispielsweise für die humanitären Prinzipien und damit einer neutralen und unabhängigen Hilfe.

Gibt es Zielkonflikte zwischen den drei Bereichen (Humanitarian – Development – Peace)? Sind die humanitären Prinzipien – Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Unabhängigkeit und Neutralität – durch die Implementierung des Triple Nexus gefährdet?

Vorneweg: Die humanitären Prinzipien sind immer in Gefahr, es gab nie eine Zeit, in der sie es nicht waren. Sie zu wahren ist eine stete Aufgabe, die niemals zu hundert Prozent erfüllt sein wird. Es ist wie mit der Demokratie, sie ist nicht gegeben, sondern man muss immer dafür arbeiten, sie zu erhalten. Es gibt allerdings schon Kontexte, in denen der Handlungsspielraum für prinzipiengeleitete humanitäre Hilfe kleiner ist als in anderen. Durch den Triple Nexus beispielsweise kann dieser Raum enger werden. Schauen wir auf Mali: Die UN-Mission MINUSMA ist mandatiert die staatliche Autorität in Zentralmali wiederherzustellen. Nun ist der malische Staat aber Konfliktpartei. Hier geht es darum, ob und wie Hilfsorganisationen die UN in ihrer Aufgabe unterstützen können. Gerade humanitäre Akteure stoßen hier sehr schnell an Grenzen. Für sie steht viel auf dem Spiel: humanitärer Zugang, die Sicherheit des eigenen Personals und der Partnerorganisationen und nicht zuletzt die Integrität der humanitären Prinzipien. Das berührt oft auch Fragen der zivil-militärischen Zusammenarbeit und die Grenzen dieser Zusammenarbeit. Beschränkt die sich auf Informationsaustausch, gibt es logistische Unterstützung oder werden gemeinsam Projekte durchgeführt? Hier gibt es keine einfachen Antworten. Viele Gebiete z.B. in Nigeria erreichen humanitäre Organisationen gar nicht ohne die logistische Unterstützung von Militär. Der Triple Nexus macht durchaus auch viele der Dilemmata der humanitären Hilfe sichtbar.

Der Triple Nexus wird auch als der „New Way of Working“ beschrieben. Was genau am Triple Nexus ist neu –  wurde darüber nicht schon vor Jahren gesprochen, nur mit anderen Begrifflichkeiten?

Für viele Menschen, die sich schon seit Jahren und Jahrzehnten mit humanitärer Hilfe beschäftigen, erscheint das natürlich alles andere als neu. Viele sehen darin alten Wein in neuen Schläuchen, eine Neuauflage der Resilienzdebatte, oder aber konkreter des LRRD-Ansatzes (Linking Relief Rehabilitation and Development). Wenn man sich beispielsweise OECD DAC Dokumente aus den 1990ern anschaut, geht es oft genau darum: verstärkte Zusammenarbeit von Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Akteuren zur Konfliktprävention.

Was die heutige Situation aber von der vorangegangener Jahrzehnte unterscheidet, ist der Fakt, dass humanitäre Krisen neben ihrer ohnehin großen Komplexität heutzutage sehr viel länger andauern, und gerade die Großkrisen der letzten Jahren in der großen Mehrheit durch menschengemachte Konflikte verursacht wurden. Das UNHCR beispielweise geht davon aus, dass Krisen, die mit Flucht und Vertreibung einhergehen im Schnitt 26 Jahre andauern. Darauf muss zweifelsohne adäquat reagiert werden. Wir wollen dazu beitragen herauszufinden, ob und unter welchen Bedingungen der Triple Nexus das richtige Instrument dazu ist.

Worauf konzentriert sich deine derzeitige Forschung zum Triple Nexus am Centre for Humanitarian Action? Welchen genuinen Beitrag kann das CHA leisten?

Als unabhängige Institution kann das CHA Organisationen darin unterstützen, sich in der Triple Nexus Debatte zu orientieren und individuelle Lösungen für sich zu finden. Unser Forschungsbereich „Triple Nexus in Practice“ schaut sich die konkrete Umsetzbarkeit in der Praxis an, die bisher sehr wenig untersucht wurde. Inhaltlich wollen wir vor allem den bisher wenig beleuchteten Friedensaspekt im Triple Nexus näher betrachten. Während die meisten Institutionen und Organisationen, im Besonderen Doppelmandatsorganisationen, auf Erfahrungswissen über den Humanitarian-Development Nexus zurückgreifen können, gibt es große Unsicherheiten was den Friedensaspekt betrifft. Das beginnt schon bei dem Begriff des Friedens selbst und seiner Durchlässigkeit zu verwandten Bereichen wie Sicherheit und Stabilisierung. Daraus erwachsen Zielkonflikte zwischen verschiedenen Akteuren. Den Bereich Frieden vor allem im Sinne eines „zivilen Triple Nexus“ schauen wir uns nun genauer an. Darüber hinaus haben wir ein Analysemodell entwickelt, dass auch über sehr verschiedene Interventionen und lokale Kontexte hinaus Orientierung im Triple Nexus bieten soll.

Das CHA hat erst kürzlich eine Evaluierung zum Triple Nexus für die Welthungerhilfe finalisiert. Gab es neue Erkenntnisse zum Triple Nexus – wenn ja, welche?

Auch hier haben wir uns angeschaut, was Triple Nexus denn nun konkret bedeutet für die Arbeit der Welthungerhilfe, die sowohl im EZ-Bereich wie in der humanitären Hilfe aktiv ist. Wir haben uns neben dem Hauptsitz in Bonn auch drei Einsatzländer angeschaut und sind zu sehr unterschiedlichen Erkenntnissen über die Umsetzbarkeit gekommen. Während der Triple Nexus in Mali in einer paradoxen Umkehrung seines eigentlichen Zwecks desintegrierende Effekte zwischen den Sektoren entfaltet hat, hat die Koordinierung und Zusammenarbeit im Südsudan vergleichsweise gut funktioniert. Auch hier ist zu betonen: eine genaue Kontext- und Konfliktanalyse ist unabdingbar, um sich der Frage zu stellen, wie weit man sich als Organisation in das Triple Nexus Feld hineinbewegt.


Andrea Steinke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre for Humanitarian Action (CHA). Sie leitet das Forschungsprojekt zum Humanitarian-Development-Peace Nexus. In ihrer letzten Publikation beleuchtet sie die humanitäre Situation in Haiti zehn Jahre nach dem verheerenden Erdbeben.

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