Interview mit Dabagaï Dabagaï zum Triple Nexus2020-07-13T16:39:14+02:00

Interview mit Dabagaï Dabagaï zum Triple Nexus

Dabagaï Dabagaï ist Landesdirektorin von Aktion gegen den Hunger (ACF) in Mali. In diesem Interview der Reihe “Gesichter rund ums CHA” erklärt sie, warum ihrer Meinung nach die Friedenskomponente des Humanitarian-Development-Peace Nexus, kurz Triple Nexus, problematisch ist und was dies in einem Land wie Mali bedeutet. Außerdem berichtet sie davon, wie die COVID-19-Pandemie ihre tägliche Arbeit beeinflusst.

Frau Dabagaï, Sie haben kürzlich an unserem CHA-Webinar zum Triple Nexus und den humanitären Prinzipien teilgenommen. Ich zitiere: “Der problematische Aspekt des Triple Nexus ist seine Friedenskomponente”. Was genau meinen Sie damit – könnten Sie das ein bisschen näher erläutern?

Die Friedenskomponente im Triple Nexus geht über soziale Kohäsion oder ‘soft activities’ im Zusammenhang mit Konfliktprävention und Lösungen hinaus. Zur Friedenskomponente zählen auch bewaffnete Akteure, sowohl staatliche als auch nichtstaatliche Gruppen, die Konfliktparteien sind. Die Rolle dieser Akteur*innen bei der Friedenssicherung wirft u.a. die folgenden Fragen auf:

  • Inwieweit können humanitäre Hilfsorganisationen – die sich selbst als neutral, unparteiisch und unabhängig definieren – an den Diskussionen mit den bewaffneten Gruppen im Rahmen eines Triple Nexus beteiligt werden?
  • Wie verändert sich die Wahrnehmung von humanitären Organisationen, wenn sie im Rahmen des Nexus-Konzepts mit jenen Akteur*innen der Friedenskomponente interagieren?

Leider hat es in unserer täglichen Arbeit vor Ort schwerwiegende Auswirkungen auf die humanitäre Hilfe, wenn wir als nicht neutral und nicht unparteiisch wahrgenommen werden. Es gibt viele Beispiele aus dem humanitären Bereich, die auf die Rolle staatlicher und nichtstaatlicher bewaffneter Gruppierungen und die Konsequenzen für die Hilfe hinweisen. Im Folgenden lege ich den Schwerpunkt nicht auf die eher ideologischen Folgen wie z.B. der Politisierung der Hilfe, des Neokolonialismus und anderer konzeptioneller Diskussionen. Die Konsequenzen für Hilfsorganisationen vor Ort, hauptsächlich INGOs, sind wie folgt:

  • Wahrnehmungsverzerrung der Communities, die unsere Arbeit weniger akzeptieren könnten.
  • Zusätzliche Risiken für den humanitären Zugang aufgrund von Bedrohungen durch nichtstaatliche bewaffnete Gruppen, z.B. indem sie humanitäre Einrichtungen und Einrichtungen der öffentlichen Wohlfahrtspflege plündern; sie unsere Mitarbeiter*innen bedrohen, wenn nicht gar ermorden; und nicht zögern, Teams wegen des Verdachts für den ‘Westen’ zu spionieren, illegal festzuhalten und zu verhören.
  • Vergeltungsmaßnahmen durch die Streitkräfte und den Staatsapparat im Rahmen einer Anti-Terrorismuspolitik, unter dem Vorwand humanitäre Akteur*innen würden mit Terrorist*innen zusammenarbeiten.

Die Friedenskomponente des Triple Nexus zwingt dazu, beim Umgang und der Positionierung vorsichtig zu sein, damit nicht der Zugang und die Sicherheit für die Communities, mit denen wir zusammenarbeiten, sowie unsere eigenen Teams gefährdet werden.

Einer Ihrer Kritikpunkte am Triple Nexus ist, dass er zu abstrakt und nicht operationell genug ist. Wie könnten die Koordination und Kohärenz in Mali verbessert werden?

Es ist zu weit hergeholt, das Prinzip der Menschlichkeit in den Mittelpunkt der humanitären Intervention zu stellen, nur damit sich der Triple Nexus besser an die humanitäre Hilfe anpasst. In Mali könnten folgende Punkte für eine bessere Koordination und mehr Kohärenz sorgen:

  • Stärkung der Koordination durch die vollständige Umsetzung der Empfehlungen des Senior Transformative Agenda Implementation Team (STAIT) für Mali aus dem Jahr 2017 und die Einrichtung eines offeneren Entscheidungsmechanismus. Warum gibt es nicht beispielsweise einen schriftlichen Entscheidungsprozess?
  • Einbeziehung aller am Triple Nexus Beteiligten, einschließlich lokaler Akteur*innen. Dadurch werden die Grenzen nicht verwischt und ein gemeinsames Verständnis und eine gemeinsame Vision gefördert.
  • Etablierung einer neutralen Leitung für den Triple Nexus, die nicht in eine der Komponenten des Nexus eingebunden ist.

Erzählen Sie mir mehr über Ihre alltägliche Arbeit. Inwiefern beeinflusst der Triple Nexus die Art und Weise, wie Sie derzeit arbeiten?

Ich würde sagen, dass wir im Moment darum kämpfen, das Kontinuum und das Kontiguum von einem emergency set-up zu einer langfristigen und wirkungsorientierten Programmarbeit zu gewährleisten. Wir möchten, dass die Menschen, denen wir helfen, ein besseres Leben führen können, indem sie wieder die zentrale Rolle in ihrem eigenen Leben spielen.

Der andere Teil des Triple Nexus, der meine tägliche Arbeit beeinflusst, ist die Sorgfalt, mit der wir den Zugang in entlegenen Gebieten sicherstellen, um gefährdeten und von Hunger betroffenen Bevölkerungsgruppen zu helfen. Diese Bevölkerungsgruppen sind gefangen zwischen Streitkräften, sich entfaltender bewaffneter nichtstaatlicher Gruppierungen und einem fragilen Staat, der seiner sozialen Verantwortung nicht gerecht wird.

Ich bedauere sehr, dass in einer der ACF-Außenstellen im Norden Malis Fälle von COVID-19 bestätigt wurden. Wie ist die Situation im Moment? Sind alle versorgt und in guter Verfassung? Wie wirkt sich die COVID-19-Pandemie auf die bereits angespannte humanitäre Lage in Nordmali aus?

In der Tat sind in unseren Teams im Norden Malis Fälle von COVID-19 gemeldet worden. Bis jetzt haben wir das Glück, dass die gemeldeten Fälle asymptomatisch verlaufen und sich die meisten von ihnen erholt haben. Die größten Herausforderungen, die COVID-19 in einem komplexen humanitären Kontext mit sich bringt, sind:

  • Die Gewährleistung der operationellen Kontinuität bei gleichzeitiger Gewährleistung der Sicherheit unserer humanitären Helfer*innen und der Communities, in denen wir arbeiten.
  • Die Neugestaltung und Neuanpassung unserer Programme – Modalitäten der Aktivitäten, Einrichtung der Logistik und finanzielle Neuausrichtung unseres Budgets – um die Menschen vor COVID-19 zu schützen und weiterhin auf humanitäre Notlagen reagieren zu können.
  • Der Humanitarian Response Plan ist nach wie vor unterfinanziert, und es gibt Bedürfnisse im Zusammenhang mit COVID-19, die angegangen werden müssen. COVID-19 ist eine zusätzliche Herausforderung aufgrund der unsicheren Ernährungslage, der schlechten Hygiene- und Sanitärbedingungen und des schwachen Gesundheitssystems. Im Mai 2020 wurden nur 29% der beantragten humanitären Mittel bereitgestellt.
  • COVID-19 stellt eine zusätzliche Bedrohung für die Akzeptanz unserer Aktivitäten vor Ort dar. Die allgemeine Überzeugung zu COVID-19 ist, dass es von Ausländer*innen verbreitet wurde.
  • Zu viele Koordinierungsebenen schaffen zusätzlichen Druck auf die humanitäre Führung. Auf lokaler und regionaler Ebene sollten alle Treffen miteinander verknüpft und die -Kommunikation konsistent sein.

Nach einem Studium der Klassischen Philosophie, der Menschenrechte und humanitären Hilfe ist Dabagaï Dabagaï seit 2011 im humanitären Bereich tätig. Sie begann ihr Berufsleben bei Médecins Sans Frontières (MSF-Schweiz), bevor sie 2012 zu Action contre la Faim (ACF) kam. Frau Dabagaï hat für ACF im Tschad, in Mauretanien, Liberia und der Zentralafrikanischen Republik gearbeitet. Seit 2017 ist sie Landesdirektorin tätig und derzeit Landesdirektorin von ACF in Mali. In all diesen Jahren hat sie sich stark für Fragen der humanitären Koordination und Ethik engagiert.

Das Interview wurde von CHA-Kommunikationsreferentin Lena Wallach am 26. Juni 2020 geführt. Dabagaï beantwortete die Fragen schriftlich.